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Transmigration

Joseph Däubler (Täubler) - ein Name, ein Grabstein, ein Transmigrantenschicksal

von Irmgard Sedler

An der äußeren, südlichen Chorwand der Neppendorfer Kirche zieht ein etwas ungewöhnlicher Grabstein aus dem 18. Jahrhundert die Blicke auf sich: ein Sandstein mit deutlichen Verwitterungsspuren, die Oberfläche frisch und großzügig mit Kalk übertüncht, die wenig akkuraten Schriftzüge wirkungsvoll in Gold und Rostbraun aufgefrischt. Ungewöhnlich daran ist die knapp zweihundert Jahre später erfolgte Ergänzung zu den sonst üblichen Daten einer Grabinschrift: „Eingewandert nach Neppendorf 1734 / renoviert 1934 von ur- ur Enkeln Deiwler Jerig“.

Diese Ergänzung geschah, wie an der Jahreszahl abzulesen ist, aus Anlass der 200-Jahrfeier der ersten „Landlereinwanderung“ nach Siebenbürgen. Sie projiziert damit ein Einzelschicksal vor den geschichtlichen Hintergrund der Transmigration österreichischer Untertanen aus den Erbländern der Krone (Steiermark, Salzkammergut und Kärnten) nach Siebenbürgen, an den damaligen Rand der Donaumonarchie. Die Recherchen zur Familiengeschichte der ersten Däubler/ Täubler/ Deiwler in Siebenbürgen brachten noch andere der sehr seltenen Sachzeugnisse aus den Anfängen der Transmigration zutage. Erbprotokolle und Briefe ließen die Rekonstruktion der Lebensgeschichten von Joseph Däubler, von seinen Eltern und Geschwistern zu. Es sind exemplarische Transmigrantenschicksale, die den Bogen von Goisern im Salzkammergut nach Heltau und Neppendorf in Siebenbürgen spannen.

 

Die amtslateinische Wortschöpfung Transmigration findet sich im Sprachgebrauch der Wiener Hofkanzlei des 18. Jahrhunderts. Es ist nichts anderes als ein beschönigendes Wort für Deportation, benennt es doch, die Umstände von Zwang und Gewalt verschleiernd, das Fortführen von Untertanen aus ihrer Heimat und deren Strafversetzung in weit entfernte Regionen des Reiches, von wo ihnen jede Rückkehr in ihre alten Herkunftsgebiete verweigert und verwehrt blieb: „Ihro Kayserliche Majestät [d.i. Maria Theresia] haben zu Absonderung dieser Leute das Fürstentum Siebenbürgen aus der Ursach bestimmt, weil selbst zur Abschneidung der Korrespondenz am weitesten entlegen an der Population Mangel leidet...“ (Schreiben der Siebenbürgischen Hofkanzlei vom 1. August 1753, Ungarisches Nationalarchiv Budapest). Die nach Siebenbürgen Verbannten waren ausnahmslos Anhänger der Lehre Martin Luthers. Ihre Vertreibung geschah jedoch nicht auf Betreiben der Katholischen Kirche, auch nicht hauptsächlich aus Glaubensgründen, wie dies die Einwanderungslegende im Bewusstsein der Transmigrantennachfahren bis heute festgesetzt hat.

Die Ursachen lagen in der damaligen Staatspolitik der Habsburger. Sowohl Kaiser Karl VI. als auch Kaiserin Maria Theresia bauten in ihrer Regierungspolitik auf die Einheit des Glaubens als stabilisierende und konsolidierende Kraft im Vielvölkerstaat, wobei diese staatstragende Rolle der katholischen Kirche als einer alleseinenden Glaubensmacht übertragen wurde. Im Zuge der konsequent betriebenen Gegenreformation war der evangelische Gottesdienst und der konfessionelle Unterricht im Geiste Luthers verboten worden. Viele Lutherische waren in den Untergrund gegangen. Offiziell galten sie als katholisch, doch auf ihren einsamen Höfen in den Streusiedlungen der Alpenlandschaft legten sie Glaubenszeugnis ab auf die Luther-Bibel und fanden die Richtigkeit ihrer Haltung bestätigt in den zahlreichen polemischen Schriften, „Sendbriefen“, der ehemaligen in die süddeutschen Städte aus Österreich ausgewanderten Streiter für den evangelischen Glauben.

Der evangelische Adel und eine wirtschaftlich nicht unbedeutende Bürgerschicht waren schon im Laufe des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts größtenteils ausgewandert. Auch viele evangelische Bauernfamilien hatten nach dem Osnabrücker Friedensvertrag 1648 das Auswanderungsgesetz  (jus emigrationis)  des Westfälischen Friedens in Anspruch genommen und waren nach Preußen gezogen. Ihr Zuzug nach Ostpreußen brachte den wirtschaftlichen Aufschwung dieser Provinz. Die Reihen wirtschaftspotenter Auswanderer verstärkten sich dann in den Jahren 1731 und 1732 mit über 20 000 Protestanten aus dem Fürstbistum Salzburg. Diese ließ Fürstbischof Freiherr von Firmian (1727-1744) unter völliger Missachtung des Auswanderungsgesetzes vertreiben.

Die Austreibung der Salzburger Protestanten brachte Unruhe und Erhebungen unter den im Fürstbistum Verbliebenen. Die Revolten griffen auch auf die Geheimprotestanten in den erwähnten Erbländern der Krone über. Darauf reagierte das protestantische Ausland. Das Corpus Evangelicorum, eine Institution mit Sitz beim immerwährenden Reichstag in Regensburg, hatte über die Gleichbehandlung der Protestanten im ganzen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu wachen. Die nun folgenden vermehrten Intercessions-Schreiben aus Regensburg an die allerhöchste habsburgische Majestät verliehen dem österreichischen Protestantenproblem damit eine zusätzliche, außenpolitische Dimension. Wien reagierte, indem man mit der Deportation der „Rädelsführer“ die Abschreckung der Massen zu erreichen versuchte. Man erhoffte sich, die Aufstände und Unruhen unter den Protestanten zu beenden und damit die Ursachen für die Einmischung von außen zu beseitigen. Indem man die „Aufwiegler und Rädelsführer“ jedoch nicht mehr ins preußische Ausland ziehen ließ, sie innerhalb der Monarchiegrenzen, in Siebenbürgen behielt, wollte man auch einer weiteren Bevölkerungsabgabe an Preußen entgegenwirken, die Wirtschaftskraft der verbannten Personen im Sinne des Merkantilismus in den Grenzen des eigenen Staatsgebildes behalten.

Die als tragendes politisches Prinzip seit der Reformation von den siebenbürgischen Fürsten respektierte Religionsfreiheit war bei der Wahl des  Deportationszieles mitbestimmend. Zudem galt es, durch Zufuhr von Arbeitskraft das wirtschaftlich darniederliegende Land wieder aufzubauen. Hinzu kam noch, dass gerade die für Siebenbürgen wirtschaftlich so wichtige sächsische Nation, den eigenen numerischen „Verfall“ beklagend, um deutsche Kolonisten bemüht war. Den ersten Transmigranten war jedoch der Ruf als „Aufwiegler und Irrgläubige“ nach Siebenbürgen vorausgeeilt, man wehrte sich dort gegen die „odiösen Emigranten“ und unterzog deshalb die ersten Ankömmlinge einem strengen Glaubensexamen, bevor man ihnen die Ansiedlung als freie Bürger auf Königsboden erlaubte.

Der erste Transmigrantentransport ging am 29. Juni 1734 von Goisern im Salzkammergut ab. Er leitete ein Unterfangen ein, welches als „Karolingische Transmigration“ bis 1737 andauern sollte. Das Wüten der Pest in Siebenbürgen und die Wirren des österreichisch-türkischen Krieges von 1736 -1739, dazu der Tod Karl VI. im Jahr 1740 setzten ihm ein vorläufiges Ende. 3960 Personen wurden nachweisbar (siehe Buchinger) aus ihrer Heimat nach Siebenbürgen verschleppt. In zwei großen Schüben, zwischen 1752-1757 und 1773-1776, während der Regierungszeit von Kaiserin Maria Theresia kamen weitere 3000 Geheimprotestanten aus den Gebieten um Gmunden, Laakirchen, Vöcklabruck und Stadl an der Murr, aus Kärnten und der Weststeiermark nach Siebenbürgen.

Die unterschiedlichen Umstände der Transmigration haben das Schicksal der jeweiligen Deportiertengruppe mitbestimmt, deren Ansiedlung in Siebenbürgen zum Erfolg oder Misserfolg werden lassen. Die zu Zeiten Karl VI. aus dem Salzkammergut vertriebenen Protestanten durften in der Regel ihre Familie mitnehmen, ein Behältnis mit eigenen Sachen aufs Schiff hinzuladen. Sie erhielten vom Salzoberamt als Vorschuss auf die Liquidierung ihrer Liegenschaften Geld mit. Dies alles waren entscheidende Voraussetzungen zu einer gelungenen Ansiedlung in Siebenbürgen. Hingegen hatte man die Kärntner Transmigranten von ihren Familien getrennt, sie als „Kriminelle“ zunächst zum Arrest verurteilt, um sie später bei sich bietender Gelegenheit mit dem Militär nach Siebenbürgen abzuschieben. Der Tod hielt reiche Ernte unter ihnen wie auch unter denjenigen, die in späterer, theresianischer Zeit verschleppt wurden. Den Letzteren hielt man die Kinder gewaltsam zurück.

In diese Zusammenhänge der Transmigration österreichischer Protestanten nach Siebenbürgen gehört auch das Schicksal des Joseph Däubler/Täubler aus Goisern im Salzkammergut, dessen erwähnter Grabstein in Neppendorf steht. Aus Kirchenmatrikeln, persönlichen Briefen und anderen Archivalien lässt sich sein Leben und Schicksal als Transmigrant und Transmigrantensohn nachvollziehen.

Im Jahre 1734 wurde nicht der junge Joseph, wie es die Grabinschrift angibt, sondern dessen Vater Thomas als einer der ersten unter den „Aufwieglern“ zusammen mit seinen beiden Söhnen Michael und Mathias nach Siebenbürgen verschleppt. Der 66-jährige Thomas war mit seiner Familie in Wurmstein, in der Pfarre Goisern ansässig gewesen. Er fungiert in den Unterlagen als „Partikularknecht“ (Waldarbeiter) der Herrschaft Wildenstein. Sohn Michael war zum Zeitpunkt der Deportation 36 Jahre alt, sein Bruder Mathias erst 23. Thomas‘ Ehefrau Rosina war mit dem zweitältesten Sohn Joseph und zwei Töchtern im Salzkammergut zurückgeblieben. Am 22. April 1735 schrieb der 26-jährige Joseph von Goisern aus an seinen „Vater Thomas Teibler und die zwei Gebriedern in Siebenbürgen im Dorfe Heldau“:

„Wir wünschen von Herzen, dass wir bald zu Euch und zu dem rechten Gottesdienst kommen könnten. Es ist auch geschwind nach eurer Abreise allen Evangelischen geschriebenen [d.s. diejenigen, die sich zu ihrem evangelischen Glauben öffentlich und schriftlich bekannt hatten, Anm. d. Verf.] von der Komision ein ernstlicher Auftrag getan worden die Zusammenkünfte der Übung des Wortes Gottes und der Lobgesänge zu meiden. Wo fern aber nicht, so haben sie uns gedroht das junge Mannsvolk zu Soldaten zu nehmen.“

Der Brief wurde in Siebenbürgen von den Behörden abgefangen und kam später zu den Transmigranten-Akten ins Hermannstädter Staatsarchiv. Schon am 30. Juli wurde der Transmigrantensohn, wie er es im zitierten Brief befürchtet, zu den Soldaten gepresst. Keine drei Monate später, am 9. Oktober 1735, führte man die Mutter und die beiden Schwestern Maria (37-jährig) und Sara (33-jährig) aufs Schiff und in die Verbannung nach Siebenbürgen. Als Joseph am 31. Januar 1736 aus Szegedin in Ungarn erneut an die Seinen schrieb, wusste er wohl, dass man die Mutter samt Schwestern auch verschleppt hatte. Doch vom Tode seines Vaters und der beiden Brüder in Heltau hatte er (noch) nicht erfahren:

„Herz vielgeliebte Eltern und Geschwister, ich kann nicht unterlassen Euch noch einmal zu schreiben und schreibe jetzt zum dritten mal von hier aus der Stadt Szegedin und einmal habe ich auf der Reise geschrieben, das ist 4 mal. Ich habe aber von Euch noch niemals keine Antwort erhalten (...) ich berichte Euch, das wir alle 15 seien gewaltvöllig zu den Soldaten übergeben worden, und ist kein anderes Mittel mehr, es sey denn, daß wir außkauft würden, oder ein anderer Mann für uns stellen könten (...) Zu Linz [unter Arrest im Wasserturm, Anm. d. Verf.] sein wir 4 Wochen gewesen, hernach seyn wir mit 200 Neugeworbenen Soldaten nach Ungarn abgeschifft worden... in die Stadt Szegedin und sein nun bei 4 1/2  Monats hier. Die andere Zeit haben wir mit Reisen zugebracht... Was mich aber anbelangt, berichte ich Euch, das ich an leiblicher Nahrung kein Mangel habe. Hier ist alles wohlfeil und kann hier selber kochen was ich will und meine Verrichtung ist Schildwacht stehen und ziehen fast alle Zeit über 24 Stunden auf die Wacht. Was mich aber gesundheit halber anbelangt, steht ess mit mir fast alss wie zu Hause. Die Husten hat zwar etwas nachgelassen aber der Kopfweh kommt mich zu Weilen an, und bin schon 2 mal im Spital gewesen und allemal 4 Tage darinnen gewest (...) Der Schwester Sara befehle ich, das sie das Lesen fleisig lerne... möchte gern wissen... wie es um meine Brüder steht und wie es Ihnen in dieser Zeit ergangen und wann unser Vater noch bei Leben ist... Ich habe gehört, das wir auf den Frühling sollten ins Wälschland marschieren, aber das Auskaufen könnte vielleicht mit hin und wieder schreiben geschehen durch die keyserlichen Ämter.

Josef Deibler Muschgatier vom gilty Regiment bey Hasslauer gumpeneier in der Szegedin in der neuen Käessärn. Dieser Brief zu komme meinem lieben Vater Thomä Deibler aus Ober-Österreich abgereist, Emigrant in Siebenbürgen zu Hermannstadt in Neppendorf.

Ein nächstfolgender, in Abschrift erhaltener Brief Josephs setzt sich in Gedichtform nochmals mit den Umständen seiner Gefangennahme und Pressung zu den Soldaten auseinander. Die Kunde vom Tode der Seinen hatte ihn zu diesem Zeitpunkt, d. i. der 16. Juli 1736, erreicht:

„Der strenge Herr, der Pfleger zu Ischel... hat uns arrestierlich nach Linz gebracht. All dort wir 8 Tage in Arrest gelegen, als wir auf das Rathaus kamen, wurden wir gefragt alle zusammen. Was wir mit singen und lesen verbrachten, das bringt uns zu den Soldaten. Zu den Soldaten brachten sie uns hin... Wir haben auch gar kein Handgeld genommen... mit Hunger wollten sie uns bezwingen... die Mondtur ward uns mit Gewalt genommen... Unsre Kleider haben sie den Juden zu kaufen gegeben... hernach als wir in das Ungarland kammen, da war es auch nicht leicht hergegangen. Wir mussten viel lernen und exerzieren und sollten uns richten ins Feld zu marschieren und hiermit liebe Mutter und Schwestern mein und so viele Euer noch bey Leben seyn... Der Vater und Brüder seyn schon in der Ruh, Gott helf uns auch gnädig dazu. Er verleih uns ein glückseelig End und nehm unsere Seelen in seine Händ.

Gemacht ein Gedicht von Josef Teibler gebürdig in Oberösterreich in Land ob der Enz im Kayserl. Salz. Kammergut in Goisern, seins Alters 28 Jahr in ledig stand, welcher sammelt 15 Kameraden um des evangelischen Glaubens Willen als Emigranten mit Gewalt zu Soldaten genommen worden sein...“

Joseph Däubler gelangte unter nicht nachvollziehbaren Umständen (wohl durch Freikauf?) nach Neppendorf, wo er im Jahre 1739 als Pate in die Kirchenbücher eingetragen wurde. Im Jahre 1741 erscheint er als Besitzer eines Wiesengrundstückes „am Ochsenweg“. Ein Jahr später schon heiratete er. Als er im Jahre 1775 hochbetagt starb, vermerkte der Pfarrer in die Beerdigungsmatrikel: „Ehrsam sein ganzes Leben hindurch“. Seine Tochter hat das Neppendörfer Geschlecht der Köber in der Kirchgasse begründet, das den Übernamen Deiwler bis heute behalten hat.

Es dauerte Generationen und Jahrzehnte bis sich das Bewusstsein der Transmigranten und deren Nachkommen insoweit wandelte, dass sie sich nicht mehr als Deportierte fühlten, sondern zunehmend als eine siebenbürgisch-deutsche Minderheit in der Minderheit der Siebenbürger Sachsen. Im Jahre 1766 hatte die Sächsische Nationsuniversität auch die Jurisdiktion über sie übernommen, sie formell als „freie Bürger und Contribuenten“ auf Königsboden eingegliedert. Im Sprachgebrauch der folgenden Zeit setzte sich der Name „Landler“ als Sammelname für alle Nachkommen der ehemaligen österreichischen Transmigranten durch.


Irmgard Sedler

Quellen und Literatur

 

Unveröffentlichte Quellen im: Staatsarchiv Hermannstadt/Sibiu, Transmigrantenakten, Magistratsakten; Archiv des Siebenbürgen Instituts in Gundelsheim, Nachlass Hellmut Klima; Österreichisches Staatsarchiv Wien, Archiv der Siebenbürgisch-Sächsischen Nation in Hermannstadt; Oberösterreichisches Landesarchiv Linz, Kaiserliche Reskripte; Ungarisches Nationalarchiv Budapest; Familienbuch Josef Reisenauer in Neppendorf/Bad Goisern  (Die Briefzitate bewahren die Orthographie der Abschriften im Familienbuch von Josef Reisenauer.).

Buchinger, Erich: Die „Landler“ in Siebenbürgen. Vorgeschichte, Durchführung und Ergebnis einer Zwangsumsiedlung im 18. Jahrhundert, München 1980; Czermak, Alice: Die Geschichte des Protestantismus in der Herrschaft Pater-nion bis zum Toleranzpatent 1781, Wien 1970; Dedic, Paul: Der Geheimprotestantismus in Kärnten während der Regierung Karls VI. (1711 bis 1740), Klagenfurt, o. J.; Ettinger, Josef: Kurze Geschichte der ersten Einwanderung oberösterreichischer evangelischer Glaubensbrüder nach Siebenbürgen..., Hermannstadt 1935; Nowotny, Ernst: Die Transmigration ober- und innerösterreichischer Protestanten nach Siebenbürgen im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der „Landler“. Schriften des Instituts für Grenz- und Auslanddeutschtum an der Universität Marburg, Heft 8, Jena 1931.






Zur Geschichte der Österreichischen Transmigranten

Ein Brief eines österreichischen Transmigranten an sein in der Heimat zurückgebliebenes Weib aus dem Jahre 1756 ist uns erhalten geblieben.

Dieses Schreiben wurde nämlich aufgefunden geöffnet und sein Inhalt als gemeingefährlich befunden. Graf Gabriel Betlen Siebenbürgischer Hofkanzler sieht sich deshalb veranlaßt in einem Schreiben von Wien 21 Januar 1757 an Dietrich Siebenbürgischer Kameraldrektor und damaligen Kurator der Transmigrationsgeschäfte, den Briefwechsel des Transmigranten überwachen zu lassen.

(Der Brief lauten und Abschrift unter dem Rosenfeld'schen Manuskripten der Baron Brukenthalischen Bibliothek).

"Gottes Gnade und Segen zum freundlichen Gruß"

Ehrengeachtetes vielgeliebtes Weib, es hat mich herzlich gefreut da ich vernommen habe das Du dich anfänglich mit deinen Glaubenskampf so ritterlich gehalten habest das Du bereits schon mit den Kindern im Arrest gesessen bist und etwelchen Strank ausgestanden, deshalb ich auch in guten Hoffnungen gestanden, Du würdest zu mir herein kommen samt den Kindern, habe auch deswegen ein Haus angenommen, dazu Acker, Wiesen und Weingärten damit wir auch hier unsere Lebensmittel haben können. Nun ich aber vernehmen muß das Du wieder nachher Haus kommen bist, ist mir solche mehr zu einer Last, als zu einer Freude worden, verzeihe uns sage es mir was dich doch von deinem angefangen Lauf sobald müde gemacht hast Weißt Du nicht daß nicht ist angefangen sondern beharren bis ans Ende will nun Selig werden. Wir haben genug vernommen wie es im Vaterland zugeht, getraust du dich bei solcher Heuchelei und Verlängerung der erkannten Wahrheit zu bestehn will Gott die seinen Namen mißbrauchen nicht ungestraft lassen, was wird er nicht denjenigen tun die seinen Namen verlügnen vor der Menschen und solches nur darum, damit sie nur dem alten Adam dem Fleisch nicht wehe tun, St. Paulus schreibt an die Galather; die Christum angehören die Kreuzigen ihr Fleisch, und wiederum wer auf das Fleisch sähet wird von dem Fleisch das Verderben ernten, bedenke es wohl, es lasse sich auch dem Ausspruch Christi Cap. 5 Vers 15 hart tun Zweien Herren zu dienen die wiedereinander sind, denn er wird einen hassen und einen lieben einen anhängen und den andern verachten oder er ist keinem recht treu.

Willst du dermaleinst unter der Zahl der rechtgläubigen gezählt werden so mußt du auch mit ihnen deinem Jesus vor der Welt bekennen, für deinen einzigen Heiland, und dir darüber tun lassen von der Welt welches des Teufelsreich ist was anderen widerfahren ist willst du aber von der Welt geehrt werden so wisse daß du nicht bist in der Gemeinschaft Christi und der Heiligenden Christi spricht Johnnes Cap 15 vers l9. Die Welt hat das Ihre lieb die aber ich erwählt habe hasset sie. Nun erwähle dir welches dir besser nützte, von der Welt oder von dessen Jesu geliebt zu werden. Erwähle dir aber also das Dich dermaleinst nicht gereuen möge, denke dabei aber nicht wen Du deinen Jesus als deinen einzigen Heiland bekennst das dich die Welt gar fressen werde, ach nein den es kann dir kein Haar von deinem Haupte fallen ohne den Willen Gottes viel weniger aber was ärgeres widerfahren das ist Christi nicht schwer, sondern leiht Mut Cap. 11 Vers 3o..Nun mußt du am ersten lernen dich selbst verlügnen vor dir selbst ausgehen so wird dir Christi nicht schwer sonder leicht werden und wirst dich dermaleinst freuen das dich Gott würdig geachtet hat und seines Namens willen Verfolgung und Trübsal leiden wenn es kommen wird das dich Gott wird stellen unter die große Schar derer die mit weißen Kleidern angetan sind wie in der Offenburg Johannes Cap. 7 Vers 13 stehet da von den 24 Ältesten einer Johannes fragte "Wer sind diese mit weißen Kleidern angetan und woher sind sie kommen" darauf gab Ihnen Johannes zur Antwort und sprach Herr du weisst es, Und der Älteste sprach zu ihm: Diese sind kommen aus großer Trübsal und haben ihr Kleider gewaschen und helle gemacht in dem Blute des Lammes.

Also mein vielgeliebtes Weib nicht anders als durch Trübsal geht man ein in das Reich Gottes, den Johannes sah eine große Schar die niemand zählen konnte doch heißt es von Ihnen allen sie kommen aus großer Trübsal. Christus hat uns keinen andern Weg gezeigt ins Himmelreich zu kommen alles durch Trübsal und Leiden er selbst ist durch Leiden in die Herrlichkeit eingegangen.
Darum wer nicht kämpft, trägt auch die Kron des ewigen Lebens nicht davon. Am allermeisten ist mir um die Kinder das sie in der Finsternis aufwachsen und nie in keine rechte Schule kommen indem all hier dergleichen Emigrantenkinder wie mein sein nur das Evangelium perfekt können hersagen.

Hiermit mache ich dir zu wissen das der Adam Glatz am 24.ten Augusti gestorben sei und Lorenz Glatz liegt seit Jakobi im frostigen Fieber den 29-ten Augusti ist Andreas Sonnleitner gestorben ich und mein Bruder der Schlosser liegen jetzt auch am Fieber vom 26. August bisher. Georg Kramer laßt uns diejenigen Kreutzer bitten welche beim Johannes Sonnleitner aufgehoben sein, und das nun solche durch gewisse und vertraute Leute nach Pressburg liefern wo nicht so wolle er, Georg, solche Kreutzer verschaffen an einen Ort da nun sie auf schleunigste werde bezahlen müssen. Vielgeliebtes Weib, weilen ohne den königlichen Befehl ist das die zerrissenen Parteien sollen zusammen kommen, wen sie anderes Lust zusammen haben, so offeriere mir, wie hab ich solches um dich verschulde das Du von mir wendest deine Huld, treu bin ich dir verblieben treu will ich sein bis an mein Ende dein Treue auch wieder zu mir wende mich bis in den Tod zu lieben.

Hiermit bist du von allen zu tausendmal schönst gegrüßt und im Schutze der Höchsten befohlen verbleibe dein getreuer Johann bis in den Tod.

Siebenbürgen, den 25-ten September l756

Kaspar Sonnleitner in Großpolden

Bitte eine Antwort zurück Du mußt aber den Brief bestellen nach Wien von Wien nach Ofen von Ofen nach Reußmarkt in Siebenbürgen.

Von Jakob Pichler ist ein freundlicher Gruß abzulegen an seinen Sohn Peter, er ist 8 Tage vor Johann hier angekommen.

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