Ich habe mich als evangelisch bekannt
von Dr. Hellmut Klima (ehemaliger Pfarrer in Neppendorf)
erschienen in den "Kirchlichen Blättern" (Ausgabe Nr.10) im Jahre 1983
Der Weg des Mathias Fischer von Goisern im Salzkammergut nach Neppendorf in Siebenbürgen vor bald 250 Jahren.
Unter den ersten österreichischen Protestanten, die im 18.Jahrhundert nach Siebenbürgen deportiert wurden und sich hier niederließen, war der Schneidermeister Mathias Fischer (1698-1753)aus Goisern im oberösterreichischen Salzkammergut. Er war der Sohn des Thomas Fischer und gehörte mit diesem und mit seinen beiden Brüdern Hans und Josef zu den Geheimprotestanten. Die Familie Fischer war der kaiserlichen Herrschaft Wildenstein untertan,die den größten Teil des Salzkammergutes zu verwalten hatte. Mathias war Witwer und Vater eines 6jährigen Töchterchens Eva. Vor der Religionskommission und vor dem Pfleger von Wildenstein hatte Mathias sich im Jahr 1734 unmißverständlich für den lutherischen Glauben entschieden und sich evangelisch schreiben lassen.Sogar das Töchterchen erklärte den Herrn der Kommission,evangelisch zu sein.Der Vater wurde sogleich verhaftet und nach Linz gebracht und nicht mehr heimgelassen.Das Kind blieb bei seinem Großvater mütterlicherseits.
Im Juli des Jahres 1734 wurde dann der erste Deportiertentransport aus dem Salzkammergut für Siebenbürgen zusammengestellt,der auf vier Schiffen erfolgte.Diese fuhren vom Hallstätter See ab,die Traun abwärts bis zur Donau. Von Linz brachte man noch mehrere Männer auf die Schiffe--unter ihnen auch Mathias Fischer, der damals 36 Jahre alt war. 259 Personen wurden auf den Schiffen zusammengedrängt und unter militärischer Bewachung ging es donauabwärts.Von Peterwardein weiter fuhr man auf der Theiß aufwärts und durch den Begakanal bis Temeswar. Dann reiste man weiter,teils zu Fuß, teils mit Pferdewagen. Erstaunt berichtete der Transportkomandant, daß er keine Worte des Schimpfens und Fluchens gehört habe, sondern nur Gebete und christliche Lieder.
Im August war Hermanstadt erreicht und auf der Magistrat der Stadt quartierte die Glaubensbrüder für kurze Zeit in Heltau ein. Von dort hat Mathias Fischer, am 9. September 1734, an seine Brüder Hans und Josef einen Brief nach Goisern geschrieben,in dem er unter andern mitteilt: "Mache euch zu wissen, daß ich noch bis dato frisch und gesund bin.Habe ein Stükl Brot reichlich in Siebenbürgen zu gewinnen--wolle Gott schicke es, daß es in meinem Vaterlande auch also stünde. Wir sind in Heltau, sollen aber nicht hier bleiben. Unsere Herrn haben uns auf Neppendorf angewiesen,dieweilen es aber so schlecht gebaut ist,so hat man uns einmal in dieses Dorf gesetzt. Möchte mein Kind mit tausend Freuden empfangen. Mein Bruder Hans Fischer, Schneidermeister im Dorf Goisern, errinnere dich, daß du mein Gütl verkaufen sollst. Wenn es mit euch zum Ausziehen kommt, so dürft ihr euch gar nicht sorgen, denn ein Handwerker kommt leichter fort, wie ein anderer."In einem weiteren undatierten Brief bittet er, man möge ihm sein Töchterchen nachschicken, mitsamt dem mütterlichen Erbe von 318 Gulden. Weiter schreibt er: "Ich, Mathias Fischer, habe mich mit meinem 6jährigen Töchterchen Eva evangelisch bekennt.Auch das Töchterchen hat das Verlangen gehabt, solches auszurufen und hat es vor der Religionskommission und vor dem Pfleger zu Wildenstein getan. Die Kommission hat mich nach Linz geführt und nicht erlaubt, heimzukehren. Mein Schwiegervater Tobias Lyssel hat das Töchterchen zurückgehalten."
Inzwischen hatte man sich in Neppendorf für die Aufnahme der österreichischen Deportierten vorbereitet. Mathias Fischer gehörte zu einer Gruppe von 169 Personen, die am 16. September 1734 in Neppendorf ankamen, um sich hier anzusiedeln. Diese Gruppe bestand aus 19 Ehemännern, 21 Ehefrauen, 1 Altburschen, 2 Witwern, 8 Witwen, 20 Burschen, 21 Jungfrauen und 77 Kindern. Die hier ankommenden Familien aber hatten in Heltau schon 33 Familienangehörige durch den Tod verloren. Zwei Kinder waren auf der Reise gestorben.
Mathias Fischer war also unter den allerersten, die sich in Siebenbürgen ansäßig machten.Von den erwähnten 169 Personen auf den 4 Schiffen ließen sich einige in Hermanstadt in den Meierhöfen nieder,in denen sie von reichen Bürgern Hermanstadts als Landarbeiter Verwendung fanden. Nur vereinzelt zogen Salzkammergutler auch in andere Orte.Noch niemand ließ sich damals in Großau nieder. Dort erfolgte erst im Herbst 1735 die erste Niederlassung von evangelischen Brüdern aus Österreich. Von einzelnen Personen läßt sich nicht feststellen, wo sie sich niedergelassen hatten.
Die Lebenskraft des Mathias Fischer war nicht gebrochen! Der 37jährige Witwer heiratete am 6. August 1735 in Neppendorf die Margareta , Tochter des Paul Kayser aus Hallstadt im Salzkammergut, vom Traungut in Obertraun. Sie war ebenfalls mit dem ersten Deportiertentransport mit ihren Eltern, einem Bruder und einer Schwester angekommen, hatte aber in Heltau den Vater durch den Tod verloren. Das Eheglück dauerte nicht lange. Schon nach 4 Monaten, am 15 Dezember 1735, wurde in Neppendorf die 30jährige zweite Ehegattin des Schneidermeisters beerdigt.
Am 18.Mai 1737 wagt es Fischer das drittemal eine Familie zu gründen. Er läßt sich in Neppendorf mit der 15 Jahre jüngeren Eva, Tochter des Thomas Neff, aus Goisern, Ortschaft Winkelbach, trauen. Durch diese junge Frau nun wurde Mathias Vater von weiteren 7 Kindern. Zwischen 1738_1751 kamen 4 Knaben und 3 Mädchen zur Welt, von denen freilich 3 Knaben und ein Mädchen in zartem Alter starben. Nur drei Kinder konnten großgezogen werden. Sein Töchterchen aus erster Ehe hat Mathias Fischer nie wiedergesehen Man hat ihm das Kind nicht nachgeschickt. .Aus der Matrikeleintragung von1737 läßt sich schließen, daß die beiden Eheleute glaubensverbundene Menschen gewesen sind. Da heißt es nämlich: "Copulantur Neogami Mathias Fischer patria Goisoriensis nunc vero propter veram coeli confessione apud nos incola, professione sartor cum honesta virgina Eva Neffin eiusdem patria et nunc apud nos degens" (Es wurden als Neuverheiratete getraut Mathias Fischer aus seinem Heimatland Goisern, jetzt aber wegen der Wahrheit des himmlischen Bekenntnisses Einwohner bei uns, von Beruf Schneider mit der ehrsammen Jungfrau Eva Neffin aus dem gleichen Heimatland, die sich jetzt bei uns aufhält).Mathias Fischer starb 55jährig in seiner neuen Heimat im Jahre 1753. Er hat die Eheschließungen seiner Kinder, der Tochter Barbara (1741-1796) mit Johann Schöner und des Sohnes Thomas (1751-1829) nicht mehr erlebt. Als dann schließlich die dritte Ehefrau im Jahr 1781 im Alter von 68 Jahren starb,hat der Pfarrer ausdrücklich in der Beerdigungsmatrikel bemerkt: "Sie war ehrsam und fromm, solange sie lebte."
So haben also diese glaubensstarken Menschen in unserer Mitte eine neue Heimat gefunden. Manche von den Nachkommen des Mathias Fischer sind hier als treue Glieder der Kirchengemeinde Neppendorf hervorgetreten. Den Familiennamen Fischer gibt es in Neppendorf zwar heute nicht mehr, da die männliche Linie dieser Familie bereits im 19. Jahrhundert ausgestorben ist, doch leben noch viele Nachkommen der weiblichen Linie, und unter ihnen werden auch heute noch einige neben ihren Familiennamen Huber mit dem Nebennamen als "Fischer" bezeichnet. So lebt das Gedächnis jenes treuen Glaubenszeugen, der sich mutig als evangelisch bekannte, in Neppendorf auch heute noch fort.
von Dr. Hellmut Klima entnommen den "Kirchlichen Blättern" (Ausgabe Nr.10) aus dem Jahre 1983