Der heutige Stadtteil Neppendorf (Turnisor), etwa 2 km südwestlich vom Zentrum Hermannstadt gelegen, ist als Ortschaft wahrscheinlich schon im 12. Jahrhundert gegründet worden. zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde hier von deutschen Siedlern eine romanische Basilika errichtet. Sie bestand aus einem Hauptschiff, 2 Seitenschiffen, einem quadratischen Chorraum und einer halbrunden Hauptapsis. Über der Vierungen erhob sich ein mächtiger Turm mit mehr als 2 m dicken Mauern. Wahrscheinlich ist es ihm zu verdanken, daß die rumänische Ortsbezeichnung bis auf den heutigen Tag "Turnisor" ("Türmchen") lautet.
Der Glockenturm dieser Kirche ist so massiv gebaut gewesen, daß er im Mittelalter die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf sich zog. Schon im 14. Jahrhundert wird er urkundlich erwähnt, da ein Kirchengerät ihm nachgebildet worden war. 1542 wird sodann in einer geschichtlichen Rückschau erzählt, daß zur Zeit des Mongolen Einfalls 1241 viele Sachsen aus der Umgebung in dem Turm Zuflucht suchten, "denn es gab außer diesem keine stärkere Befestigung".
Von dem alten romanischen Bauwerk haben sich erhalten Die unteren Mauerteile des östlichen Abschnittes des südlichen Seitenschiffes mit einer Apsidiole, die 4 Eckpfeiler der Vierung die einst den Turm trugen, die unteren Mauerteile des Chores und der Hauptapsis samt den Resten einer "Priesterpforte" in der Chorsüdwand. Diese Bauteile sind aus Stein errichtet.
Die erste urkundliche Erwähnung des sächsischen Ortes erfolgte im Jahre 1327. Aus der lateinischen Bezeichnung "villa Epponis" ist wahrscheinlich der deutsche Ortsname "Neppendorf" entstanden, der 1371 zum ersten Mal erscheint.
Durch die Türkeneinfälle, im 15. Jahrhundert, hatte die Gemeinde viel zu leiden. Wohl 1493, als der Ort niedergebrannt wurde, ist auch die Kirche teilweise zerstört worden. Weil die wenigen Einwohner damals die Kraft kaum aufbringen konnten, das Gotteshaus wieder herzustellen, müssen wir annehmen, daß es bis in die Hälfte des 18. Jahrhunderts nur eine notdürftig instandgesetzte Ruine war. Man kann sogar vermuten, daß zeitweilig nur zeitweilig nur in dem erhalten gebliebenen Ortsteil des südlichen Seitenschiffes Gottesdienst gehalten wurde, da für diesen Raum noch 1853 die Bezeichnung "alte Kirche" belegt ist. Weil die Bewohner von Neppendorf in der nahegelegenen, gut befestigten Stadt Zuflucht finden konnten, ist die Umgestaltung der Kirche zu einer Kirchenburg unterblieben.
Erst nachdem am 19. September 1734 die Ansiedlung von deportierten Protestanten aus Österreich in Neppendorf begann und diese Neusiedler sich entsprechend eingewurzelt und vermehrt hatten, konnte die Wiederherstellung, bzw. der Ausbau des Kirchengebäudes erfolgen. Diese Transmigranten, die zuerst nur aus dem Salzkammergut, in der Folge aber auch aus anderen Landesteilen Österreichs kamen, wurden später "Landler" genannt. Sie waren nicht nur tüchtige Handwerker, sondern auch kinderfreudige Menschen und standen zudem treu im evangelischen Glauben. An dem Ausbau des Kirchengebäudes haben sie wesentlichen Anteil.
Schon 1752 werden Arbeiten an dem Chor der Kirche erwähnt und im nächsten Jahr wird das Dach instand gesetzt. Auch am Fußboden wird gearbeitet, der Pflasterziegeln erhält. 1759 wird das Chor neu gewölbt und in den nächsten Jahren sind immer wieder Arbeiten am Gotteshaus belegt.
Von 1767 an beschäftigt man sich ernstlich mit der Erweiterung der inzwischen zu klein gewordenen Kirche, jedoch konnte erst 1781 diese große Arbeit begonnen werden. Darüber sagt das Gedenkbuch: "... ist der hintere Kirchenteil nebst dem Glockenturm aufgebaut und eine hölzerne Uhr darauf appliziert ..." Das besagt, daß damals das Hauptschiff nach Westen zu wieder aufgebaut wurde, so daß ein zusätzlicher Raum von etwa 12 m Länge entstand. Auch die alten Seitenschiffe wurden teilweise wieder hergestellt. Durch ihre Erhöhung und den Einbau von Holzemporen wurde ebenfalls viel Raum gewonnen. So erhielt das Kirchengebäude damals den Grundriß eines gleicharmigen Kreuzes. In diese Zeit fällt auch der Wiederaufbau der Sakristei.
Erwähnenswert ist, daß 1785 die Emporen durch einen Maler namens Krempeltz mit Malereien versehen wurden. Sie zeigen Aposteldarstellungen und Blumenornamente.
Der Turm, der wahrscheinlich in der Zeit der Türkeneinfälle am Ende des 15. Jahrhunderts teilweise zerstört worden war, konnte ebenfalls erst nach der Ansiedlung der "Landler" wieder hergestellt werden. Schon 1747 wurden Spenden für diesen Zweck gesammelt. Es wird erwähnt, daß die "Emigranten." 100 Gulden spendeten. So konnte mit dem Turmbau begonnen werden. Wahrscheinlich aber hatte die Gemeinde nicht genug Kraft, auf den Resten der alten Turmmauern weiter zu bauen. Daher wurde die Ostwand des neuen Turmes auf 2 neu errichteten Pfeilern aufgesetzt, die in der Vierung auch heute noch den Turm mit tragen. Die neuen Turmmauern wurden aus Ziegeln errichtet, während die Reste des alten Turmes aus Steinen gebaut sind. Damals sind
auch 2 Glocken auf den Turm gezogen worden. Dieser hatte noch nicht die heutige Höhe. Wie aus einer Inschrift auf einem Balken im Turm ersichtlich ist, der "anno 1753, die 7. mai" eingezogen wurde, ist auch in diesem Jahr am Turm gearbeitet worden. Seine jetzige Form und Höhe aber hat er wahrscheinlich 1781 erhalten, als auch die Kirche nach Westen zu erweitert wurde. Der Turmknopf ist am 23. Mai 1782 aufgesetzt worden.
Bedingt durch die weitere Zunahme der Seelenzahl, mußte die Kirche 1911/1912 nochmals vergrößert werden. Dieser Anbau nach Westen zu, durchgeführt unter der Leitung von Architekt Fritz Buertmes aus Hermannstadt, ist den alten Bauteilen formvollendet angepaßt und hat das Hauptschiff um weitere 11 m verlängert. So gleicht der Grundriß der Kirche heute einem lateinischen Kreuz.
Der jetzige Altar wurde 1759 angeschafft und aufgestellt. Leider wissen wir nicht, wer die Altarbilder gemalt hat. Die Kanzel stammt aus dem Jahre 1782.
Die gegenwärtige 0rgel ist die vierte, von der wir Kunde haben. Sie wurde von Karl Einschenk in Kronstadt gebaut und war am 21. Januar 1912 fertig. Es ist ein pneumatisches Werk, mit 2 Manualen und Pedal. Die 1662 Pfeifen verteilen sich auf 27 klingende Register. Seit 1913 wird sie von einem elektrischen Gebläse betrieben.
Das Geläute der Kirche besteht aus 3 Glocken. Die große Glocke ist 1795 angeschafft worden. Im August 1916 waren 2 Glocken - eine aus 1783 und die andere aus 1858 - für Kriegszwecke beschlagnahmt worden. So konnte bis 1922 nur mit einer Glocke geläutet werden. In diesem Jahr sind die mittlere und die kleine Glocke von der Gießerei Schieb aus Hermannstadt neu angekauft. Sie tun auch heute noch ihren Dienst.
Der Opferstock bei dem Nordeingang ist wahrscheinlich zu Beginn des 17 Jh. Aufgestellt worden. Er ist aus einem Baumstamm gehauen, mit Eisen beschlagen und hat die Form eines Kelches.
Die Kirche von Neppendorf gehört zu den wertvollen historischen Baudenkmälern unseres Vaterlandes und wird in jedem Jahr von vielen Kunstliebhabern besucht.
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